Besuch bei der alten Dame

Als sie das Polizeiauto die Auffahrt herauskommen sah, lies sie die Schere sinken, mit der sie gerade die Zweige der Buche gestutzt hatte. Sie hatte sich sowieso eine Pause verdient: Ihr Rücken tat nach den vielen Stunden im Garten weh. Mit ihren 68 Jahren war sie nun eben auch nicht mehr die Jüngste. Sie sicherte die Schere, steckte sie gemeinsam mit ihren Handschuhen bedächtig in die Tasche ihrer

Gartenschürze und rieb sich die schmerzenden Muskeln, während sie beobachte, wie die Polizisten ausstiegen. „Herr Kommissar“, sagt sie, als die beiden Uniformierten zu ihr in den Garten gekommen waren. „Lange haben wir uns nicht mehr gesehen.

Wie geht es Ihnen?“ Sie streckte dem Älteren die Hand hin, die dieser ergriff und schüttelte. „Danke, Frau Rönnebeck, gut geht es. Und Ihnen? Wieder fleißig, wie ich sehe?!“ „Ja. „Wenn du einen Garten hast, dann brauchst du keine anderen Hobbys!“, sagt mein Gatte immer. Recht hat er.“

Alte Dame

Sie wendete sich dem zweiten Mann zu. Er war deutlich jünger als sein Kollege, der die 50 längst überschritten hatte – Mitte 20 schätze sie. Bestimmt ein Frischling direkt von der Polizeischule, der wahrscheinlich gerade seine ersten Erfahrungen auf der Straße sammelte. „Und sie sind?“, fragte sie ihn, während sie ihm die Hand hinstreckte.

„Meyer, Polizeioberwachtmeister“, sagte dieser zackig, ergriff ihre Hand und drückte diese kräftig. „Jens Meyer ist vor einigen Wochen zu uns gestoßen“, ergänzte Kommissar Schrader. „Und schon hat er das Vergnügen, mit ihnen gemeinsam Dienst zu tun“, flötete Lisa Rönnebeck und schenkte dem Kommissar ein zuckersüßes Lächeln. „Tee, die Herren?“

Mit einer einladenden Geste drehte sie sich zu dem Gartentisch aus Mahagoniholz, der gemeinsam mit einer gusseisernen Bank vor einem verschnörkelten Gitter stand, an dem sich Rosen emporrankten. Ohne die Antwort abzuwarten ging sie langsam zu der Sitzgruppe hinüber und bereitete mit Hilfe des Samova eine Tasse Tee zu. Sie führte die Tasse zum Mund und warf den beiden Polizisten einen fragenden Blick zu, die langsam zu ihr hinüber kamen. „Ich habe auch Eclairs gebacken. Probieren Sie doch mal. Wenn ich mich recht erinnere, waren Sie auf dieses Gebäck immer ganz versessen, nicht wahr Herr Kommissar?!“

„Wir sind nicht zum Kekse essen …“, setze Polizeioberwachtmeister Meyer an, doch der Kommissar legte seine Hand auf seine Schulter und lies ihn damit verstummen. „Vielen Dank, Frau Rönnebeck. Sehr freundlich. Ich würde gern eine Tasse Tee nehmen.“ „Und ein Eclair“, fügte er nach einer kurzen Pause hinzu.

Mit einem feinen Lächeln reichte sie den beiden Polizisten eine Etagere, die mit dem französischen Gebäck belegt war, und schenkte dann zwei Tassen Tee ein, die sie den beiden Ordnungshütern reichte. Langsam löffelte der Kommissar Zucker in das starke Gebräu, während sein junger Kollege vorsichtig einen Schluck probierte. Angewidert verzog er das Gesicht und schob die Tasse auf den Tisch, womit er sich einen missbilligend-vorwurfsvollen Blick seiner unfreiwilligen Gastgeberin einhandelte.

„Was führt sie eigentlich zu mir?“, fragte diese schließlich. Bedächtig stellte der Kommissar seine Tasse ab und räusperte sich: „Wir sind gekommen …“, er machte eine Pause und man merkte ihm an, dass er nach den richtigen Worten suchte. „Frau Rönnebeck, wir haben leider trotz intensiver Bemühungen immer noch keine Spur von ihrem Gatten. In den letzten Jahren haben wir jeden noch so kleinen Hinweis verfolgt. Aber nichts. Er ist wie vom Erdboden verschluckt. Ich bin heute hier, um Ihnen schweren Herzen mitzuteilen, dass wir die Ermittlungen einstellen und den Fall zu den Akten legen müssen.“

Laub der Blutbuche

„Oh.“ Die Farbe wich der rüstigen Rentnerin aus dem Gesicht und der Kommissar Schrader griff nach ihrem Arm, um sie zu stützen. Langsam lies sie sich auf der Bank nieder und blickte zwischen den Polizisten hindurch auf den Baum, der sich in der Mitte des Gartens erhob. Einige Minuten schwiegen alle drei, bevor die Hausherrin ihr Stimme erhob. „Diese Buche habe ich gepflanzt, wenige Tage, nachdem mein Franz verschwunden ist. Jeden Tag habe ich sie mir angeschaut und gedacht „Bald steht er wieder hier bei dir im Garten.“ Aber insgeheim wusste ich wohl, dass dies nie der Fall sein würde. Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt man.“ Sie hob den Kopf und blickte dem Kommissar in die Augen: „Aber, Herr Kommissar, sie stirbt.“

Polizisten

Der Kommissar wand den Blick ab. Viele Jahre hatten er und seine Kollegen versucht, Franz Rönnebeck aufzuspüren, der von einem Tag auf den anderen plötzlich verschwunden war. Ohne Auto, ohne Papiere, ohne eine einzige Spur zu hinterlassen. Natürlich hatte es Gerüchte gegeben: Er habe aus seinem goldenen Käfig ausbrechen wollen, den ihm seine wohlhabende Gattin gleich nach der Hochzeit gebaut habe. Er habe sich in eine jüngere Frau verliebt und sei mit ihr durchgebrannt. Er habe im Lotto gewonnen und genieße nun im Süden das süße Leben. Diese und unzählige weitere Geschichten hatten die Beamten zu Ohren bekommen und hatten, soweit möglich, jede einzelne nachgeprüft. Genauso wie den Verdacht, dass seine Frau irgendetwas mit seinem Verschwinden zu tun haben könne. Vor allem seine ehemalige Kollegin, Kommissaranwärterin Gerold, hatte diese Spur intensiv verfolgt und war bis zum Schluss nicht davon abzubringen gewesen, dass sie ihren Ehemann hatte verschwinden lassen.

Sie hatte sich so in diese Theorie reingesteigert, dass sie schließlich nicht nur von dem Fall abgezogen und letztendlich sogar beurlaubt worden war, nachdem sich Frau Rönnebeck auf der Dienststelle über ihr Verhalten beschwert hatte. Vor wenigen Wochen hatte Kommissaranwärterin Gerold die Wache verlassen, seitdem hatte er nichts mehr von ihr gehört. Schade, er hatte sie gemocht und sich gut mit ihr verstanden.

Er räusperte sich und schenkte der alten Dame vor ihm auf der Bank einen mitleidigen Blick. „Können wir noch etwas für sie tun?“ Lisa Rönnebeck schenkte dem Kommissar ein Lächeln und schüttelte den Kopf. „Vielen Dank. Ich komme zurecht.“ Sie erhob sich und strich sich energisch die Schürze glatt. „Ich begleite Sie noch zu ihrem Wagen“, sagte sie zu den beiden Polizisten.

Schweigend gingen die drei zum Einsatzwagen, der in der Einfahrt des abgelegenen, herrschaftlichen Hauses parkte. „Wo ist eigentlich ihre Kollegin – wie hieß sie gleich noch? Gerhard?“ Fragend blickte Lisa Rönnebeck den Kommissar an. „Gerold. Sie meinen Kommissaranwärterin Gerold. Sie ist auf eine andere Dienststelle versetzt worden, nachdem sie … Sie hatte sich da in ihrem Fall wohl etwas verbissen, Frau Rönnebeck. Bitte entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten.“ „Schon gut, Herr Kommissar“, antwortetet die alte Dame beschwichtigend. „Ich mache Ihnen keinen Vorwurf. Ihr übrigens auch nicht, sie hat ja nur ihren Beruf ausgeübt. Lediglich ihre Umgangsformen ließen etwas zu wünschen übrig. Ständig hing sie mir auf der Pelle, meinen Freundinnen wie Freifrau von Schnitt übrigens auch. Da musste ich intervenieren.“ Der Kommissar nickte verständnisvoll. „Aber wenn Sie wieder einmal mit ihr sprechen: Grüßen Sie sie ganz herzlich von mir.“
Der Kommissar nickt und verabschiedete sich. Dann stieg er zu seinem Kollegen in den Wagen und sie fuhren davon.

Lisa Rönnebeck blickte dem Fahrzeug nach, bis es um die Biegung des Weges verschwunden war. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. Die Grüße würde der Kommissar wohl eher nicht übermitteln können. Während sie langsam zurück in den Garten ging, dachte sie an den Tag zurück, als die Polizistin eines Tages plötzlich in zivil vor ihr stand und sie wüst beschimpfte, weil sie versetzt worden war. Sie hatte sogar die Chuzpe besessen, ihr auf den Kopf zuzusagen, dass sie sie für das Verschwinden ihres Mannes verantwortlich machte. Mörderin hatte sie sie genannt. Wie ungestüm und unvorsichtig diese neugierige Person gewesen war. Sie hatte ihr keine Wahl gelassen.

Blutbuche

Versonnen blickte Lisa Rönnebeck sie beiden Bäume an, die ihren Garten schmückten. In einem kräftigen rot leuchteten ihre Blätter in der Abendsonne. Langsam streifte sie sich ihre Handschuhe über und fischte die Schere aus der Tasche, ehe sie sich daranmachte, die Zweige der beiden Bäume behutsam zu stutzen. Der eine war bereits mehrere Jahre alt und von ihr einen Tag nach dem Verschwinden ihres verhassten Gatten, dieses verschwenderischen, untreuen Bastards, gepflanzt, so wie sie es dem Kommissar vorhin gesagt hatte.

Wenngleich auch nicht zur Erinnerung an ihn. Der andere Baum war jünger, sie hatte ihn erst vor wenige Wochen gepflanzt. An dem Abend, als ihr diese Gerold einen letzten Besuch abgestattet hatte und sie gerade dabei gewesen war, das Beet umzugraben. Es war ihr, als fühlte sie noch immer das Gewicht des Spatens in den Händen, den sie hoch in die Luft gehoben hatte, als die junge Frau ihr schließlich den Rücken zudrehte …

Fagus sylvatica purpurea, dachte sie, und schnitt einen Ast zurück. Wie passend dieser Name für diese beiden Bäume doch war, erst recht die deutsche Bezeichnung: Blutbuchen.

Blutbuchenlaub

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